Mit der Reichsgründung 1871 wurde Kiel neben Wilhelmshaven zum Reichskriegshafen des Deutschen Reiches erhoben — Wilhelmshaven für die Nordsee, Kiel für die Ostsee. Bereits im März 1865 war die Marinestation der Ostsee von Danzig nach Kiel verlegt worden, so dass die Stadt beim Übergang an das Kaiserreich schon über die entscheidende militärische Infrastruktur verfügte. Das Reichskriegshafengesetz von 1883 legte die seewärtige Begrenzung der Reichskriegshäfen Kiel und Wilhelmshaven fest und regelte die Befugnisse des Stationschefs, der im Range eines Admirals oder Vizeadmirals stand und zugleich Gouverneur von Kiel war. Aus der Provinzstadt mit rund 31.700 Einwohnern des Jahres 1871 wurde binnen einer Generation eine der wichtigsten Militärstädte des Reiches.
Die Marinestation der Ostsee, 1854 in Danzig eingerichtet, führte von Kiel aus die Festungen und Ausbildungseinrichtungen ihres Kommandobereichs; bis 1891 unterstanden ihr auch sämtliche Seestreitkräfte im Zuständigkeitsgebiet, ehe ein eigenes Flottenkommando geschaffen wurde. Ihr Stationsgebäude dient heute als Landeshaus dem Schleswig-Holsteinischen Landtag. Die 1867 auf dem Gelände der Werft Georg Howaldts errichtete Königliche Werft wurde 1871 in Kaiserliche Werft Kiel umbenannt; sie beschäftigte 1882 rund 3.500 Menschen und damit dreimal so viele Arbeiter wie die Howaldtswerke. 1899 verlegte sie ihren Betrieb nach Gaarden-Ost und dehnte sich bis 1904 so weit aus, dass das Fischerdorf Ellerbek weichen musste. Daneben entstand 1867 die Norddeutsche Schiffbau-Actiengesellschaft, die Friedrich Krupp ab 1896 pachtete und 1902 als Germaniawerft übernahm; sie lieferte 1905 mit U 1 das erste Unterseeboot an die Kaiserliche Marine.
Neben der Marine lag auch das Heer in Kiel. Das 1866 in Münster errichtete Infanterie-Regiment „Herzog von Holstein“ (Holsteinisches) Nr. 85, dem IX. Armee-Korps und der 18. Division zugehörig, hatte ab 1871 sein III. Bataillon in Kiel stationiert, während der Regimentsstab mit den übrigen Bataillonen in Rendsburg lag. Im Ersten Weltkrieg kämpfte das Regiment an der Westfront, unter anderem in der Schlacht bei Mons; ab dem 26. Dezember 1918 wurde es in Rendsburg demobilisiert. Von der militärischen Bebauung der Kaiserzeit ist in Kiel vor allem der Bereich an der Wik prägend geblieben, wo Kasernen und Militäranlagen entstanden; das Gelände wird bis heute als Marinestützpunkt der Deutschen Marine genutzt.
Am 20. Juni 1895 wurde der Kaiser-Wilhelm-Kanal, der heutige Nord-Ostsee-Kanal, eröffnet; er entwickelte sich bald zum meistbefahrenen Kanal der Welt und verband die beiden Reichskriegshäfen Kiel und Wilhelmshaven strategisch miteinander. Schon der Kanalbau hatte das Umland verändert: Die Landgemeinde Wik, durch die Lasten des Baus finanziell überfordert, wurde zum 1. April 1893 nach Kiel eingemeindet. Gesellschaftlicher Höhepunkt des Jahres war die Kieler Woche, die 1882 erstmals stattfand und seit 1885 als Verbindung von Schiffsparade, Segelregatten und Volksfest ausgerichtet wurde — eine Bühne, auf der das Kaiserreich seine Flotte der Öffentlichkeit vorführte.
Der Aufstieg zur Marinestadt schlug sich unmittelbar in den Einwohnerzahlen nieder. 1864 zählte Kiel 18.770 Einwohner, 1871 waren es 31.764, 1880 bereits 43.594 und 1890 schon 69.172. In den 1880er Jahren hatte der Aufschwung des Schiffbaus ein schnelles Bevölkerungswachstum ausgelöst. Am 1. Dezember 1900 überschritt die Stadt mit 107.977 Einwohnern die Grenze von 100.000 und wurde damit Großstadt; 1910 lebten bereits 211.627 Menschen in Kiel. Binnen eines halben Jahrhunderts hatte sich die Einwohnerzahl damit mehr als verzehnfacht — eine Entwicklung, die fast vollständig auf Marine, Werften und die von ihnen abhängigen Gewerbe zurückging.
Das Ende der Epoche nahm in Kiel selbst seinen Ausgang. Als die Seekriegsleitung trotz laufender Waffenstillstandsverhandlungen für den 30. Oktober 1918 einen Flottenvorstoß plante, verweigerten Matrosen den Befehl; 48 Besatzungsangehörige der SMS Markgraf wurden verhaftet und nach Kiel gebracht. Nach dem Eintreffen des III. Geschwaders am 1. November berieten sich zunächst rund 250 Matrosen, am 2. November versammelten sich etwa 600 Menschen auf dem Großen Exerzierplatz im Vieburger Gehölz. Am 3. November zogen 5.000 bis 6.000 Soldaten, Arbeiter und Arbeiterinnen durch die Stadt; bei bewaffneten Zusammenstößen in der Karlstraße starben sieben Männer, zwei weitere erlagen später ihren Verletzungen. Am 4. November übernahmen Soldatenräte die Kontrolle, Karl Artelt wurde Vorsitzender des ersten Soldatenrats in Deutschland. Der Aufstand, an dem unter anderem Besatzungen der SMS König, Markgraf, Kronprinz, Regensburg, Straßburg und Nassau sowie die I. Torpedodivision, die I. Werftdivision und die U-Bootdivision beteiligt waren, breitete sich binnen weniger Tage im ganzen Reich aus und führte zum Sturz der Monarchie. Die Kaiserlichen Werften wurden 1920 aufgelöst; aus der Kieler Anlage wurde die Reichswerft, ab 1925 die Deutsche Werke Kiel AG.
Wer heute durch Kiel geht, findet die Spuren der Reichskriegshafenzeit an vielen Stellen: im Landeshaus als ehemaligem Stationsgebäude der Marinestation der Ostsee, im weiterhin militärisch genutzten Stützpunkt an der Wik mit dem Segelschulschiff Gorch Fock und in den Werftarealen am Ostufer der Förde, deren Zuschnitt noch immer von den Erweiterungen der Jahre um 1900 geprägt ist.
Werbehinweis: Die vorſtehenden Buchverweiſe führen zur Suche bei Amazon. Als Amazon-Partner verdienen wir an qualifizierten Verkäufen.