Neisse, seit 1816 dem Regierungsbezirk Oppeln zugeordnet und damit zu Oberschlesien zählend, war im Deutschen Kaiserreich eine der bedeutendsten Militärstädte der Provinz Schlesien. In der Stadt an der Glatzer Neiße residierte das Kommando der 12. Division, eines der beiden Großverbände des in Breslau beheimateten VI. Armee-Korps. Neben dem Divisionsstab hatten auch die Stäbe der 24. Infanterie-Brigade, der 12. Kavallerie-Brigade und der 12. Feldartillerie-Brigade ihren Sitz in Neisse. Die militärische Prägung war im Stadtbild unübersehbar: Bei der Volkszählung von 1910 zählte Neisse 30.442 Einwohner, darunter eine Garnison von 3.977 Mann. Am 1. Juli 1911 schied die Stadt aus dem Landkreis aus und wurde selbstständiger Stadtkreis.
Die Garnisonstradition wurzelte in der friderizianischen Festung. Nach dem Übergang Schlesiens an Preußen im Ersten Schlesischen Krieg 1742 ließ Friedrich II. die von den Habsburgern übernommene Stadtbefestigung durch den Festungsbaumeister Cornelius von Walrawe grundlegend umgestalten. Auf dem der Altstadt gegenüberliegenden Neiße-Ufer entstanden 1743 bis 1745 die sternförmige Zitadelle Fort Preußen sowie die nach dem König benannte Friedrichsstadt, in der die Garnison untergebracht wurde. In mehreren Ausbauphasen folgten die unteren Umwallungen (1742–1756), die äußeren Jerusalemer Umwallungen (1767–1791) und die hohen Umwallungen (1774–1791); dazu kamen die Kapuziner- und die Kardinalsredoute (1743–1746). Im Vierten Koalitionskrieg hielt die Festung unter dem Kommandanten Georg von Steensen vom 23. Februar bis zur Kapitulation am 16. Juni 1807 der Belagerung durch die Rheinbundtruppen des Generals Vandamme stand.
Im Kaiserreich verlor die Festung schrittweise ihre Bedeutung. Noch in den 1860er Jahren waren zum Schutz der Eisenbahnlinie die Forts I bis III errichtet und die Werke bis 1888 im neupreußischen Stil modernisiert worden. Doch ab 1877 begann die Schleifung des inneren Festungsgürtels; 1881 fiel das südliche Zolltor mit der angrenzenden Festungsmauer, und auf den freigewordenen Flächen entstanden neue Wohnviertel. 1887 verlor Neisse den amtlichen Titel einer Festung; ein Erlass von 1889 sah die vollständige Entwaffnung vor, und 1903 endete der militärische Status der Werke endgültig. Die Anlagen dienten fortan als Magazine und für zivile Zwecke — die Garnison selbst blieb der Stadt jedoch bis zum Ende des Kaiserreichs erhalten.
Kern der Friedensgarnison war das Infanterie-Regiment „von Winterfeldt“ (2. Oberschlesisches) Nr. 23, das der in Neisse stationierten 24. Infanterie-Brigade unterstand und im Ersten Weltkrieg durchgehend im Verband der 12. Division des VI. Armee-Korps kämpfte. Von den Artillerieverbänden lag das Feldartillerie-Regiment „von Clausewitz“ (1. Oberschlesisches) Nr. 21 in Neisse und Grottkau. Eine zeitgenössische Beschreibung der Stadt nennt darüber hinaus ein Bataillon des Fußartillerie-Regiments Nr. 6 und das Pionier-Bataillon Nr. 6 als Teile der Garnison. Die der 12. Kavallerie-Brigade unterstellten schlesischen Husaren-Regimenter Nr. 4 und Nr. 6 lagen dagegen in Ohlau beziehungsweise Leobschütz und Ratibor — Neisse war ihr Brigadestandort, nicht ihr Quartier.
Von den Festungswerken ist im heutigen Nysa ein beachtlicher Teil erhalten — schätzungsweise die Hälfte des Bestands um 1900, sodass der Festungsring in der Landschaft ablesbar geblieben ist. Fort Preußen (Fort Prusy) steht noch; ein Fußweg führt durch den trockenen Graben der Zitadelle. Das Wasserfort (Fort Wodny) im Stadtpark, 1741 von den Österreichern begonnen und 1745 preußisch umgebaut, wurde 2008 saniert und dient als touristische Attraktion. Die aus habsburgischer Zeit stammende, 1771 bis 1774 kasemattierte Hedwigsbastion (Bastion św. Jadwigi) beherbergt nach ihrer 2008 abgeschlossenen Sanierung ein Kulturzentrum mit Touristeninformation. Die Jerusalemer Umwallungen wurden 1926 bis 1934 teilweise abgetragen, die Eisenbahnwerke sind stark verfallen. Alljährlich im Sommer finden die „Dni Twierdzy Nysa“ mit historischen Rekonstruktionen statt.
Jenseits des Militärs galt Neisse wegen seiner Barockarchitektur und Kirchendichte als „Schlesisches Rom“: Die Stadt besaß zwei evangelische und sieben katholische Kirchen, eine Synagoge sowie geistliche Seminare und Schulen; 1888 wurde die evangelische Garnisonkirche fertiggestellt. Wirtschaftlich lebte Neisse vom traditionsreichen Garn- und Leinenhandel, vom Goldschmiedehandwerk, von der Gardinen- und Spitzenherstellung sowie — seit etwa 1830 — von Fabriken für landwirtschaftliche Maschinen; als Spezialität war das „Neisser Konfekt“, ein Pfefferkuchengebäck, bekannt. Den Eisenbahnanschluss erhielt die Stadt 1848 mit der Strecke nach Brieg, weitere Linien folgten bis 1887 unter anderem nach Oppeln. Eine stille Kulturnote der Garnisonsstadt: Der Dichter Joseph von Eichendorff starb 1857 in Neisse; sein Grab liegt auf dem dortigen Jerusalemer Friedhof.
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