Rottweil zählt zu den Orten, die in militärischen Verzeichnissen des Deutschen Kaiserreichs auftauchen, ohne je eine Garnisonsstadt im eigentlichen Sinne gewesen zu sein. Zwischen 1871 und 1918 lag in der alten Reichsstadt am oberen Neckar kein Truppenteil des XIII. (Königlich Württembergischen) Armee-Korps im Frieden; eine Kaserne besaß die Stadt nicht. Was Rottweil dennoch fest mit dem Militärwesen des Kaiserreichs verband, waren zwei Einrichtungen anderer Art: das Königliche Bezirkskommando als Verwaltungsbehörde der Landwehr und die Pulverfabrik Rottweil, eines der bedeutendsten privaten Rüstungsunternehmen des Reiches.
Im Königreich Württemberg war Rottweil Oberamtsstadt und Sitz des Oberamts Rottweil. Die 1802/03 an Württemberg gefallene ehemalige Freie Reichsstadt hatte ihre reichsstädtische Selbständigkeit verloren, blieb aber Verwaltungsmittelpunkt am oberen Neckar; von 1810 bis 1817 war sie Sitz der Landvogtei am oberen Neckar. 1868 erhielt die Stadt mit der Eröffnung des Bahnhofs Anschluss an das Netz der württembergischen Eisenbahn — die Voraussetzung für den industriellen Aufschwung der folgenden Jahrzehnte. Die Einwohnerzahl stieg von 5.135 im Jahr 1871 über 6.047 im Jahr 1880 auf 9.644 im Jahr 1910. Neben der Pulverfabrik zählte die Saline zu den größeren Arbeitgebern, deren Belegschaft sich auch aus den umliegenden Gemeinden rekrutierte.
Seiner militärischen Funktion nach war Rottweil Verwaltungsstandort, nicht Truppenstandort. 1871 erhielt die Stadt eines von 16 Landwehrbezirkskommandos auf dem Gebiet des heutigen Baden-Württemberg. Das Königliche Bezirkskommando führte im Zusammenwirken mit den Zivilbehörden die Musterung der Wehrpflichtigen durch, überwachte die Angehörigen des Beurlaubtenstandes, verwahrte Bekleidung und Ausrüstung der Landwehr- und Reserveformationen und betreute die Invaliden der Kriege von 1866 und 1870/71. Untergebracht war die Behörde zunächst in der Bruderschaftsgasse 11; im Juli 1905 bezog sie einen Neubau in der Johanniterstraße 16. Ein solches Bezirkskommando ließ einen Ort in den Verzeichnissen des Heeres erscheinen — eine Garnison mit stationierten Truppen begründete es nicht.
Weit über Württemberg hinaus bekannt wurde Rottweil durch seine Pulverfabrik im Neckartal. 1863 übernahm Max Duttenhofer eine seit Jahrhunderten bestehende Pulvermühle von seinem Vater; aus ihr ging die Pulverfabrik Rottweil hervor. Das von Duttenhofer 1882 entwickelte braune prismatische Pulver beherrschte lange den Markt für schwere Geschütze. 1884 gelang ihm die Entwicklung eines rauchschwachen Schießpulvers auf Nitrocellulosebasis; 1887 führte Preußen dieses Pulver ein, das rauchlos und fast ohne Rückstand verbrannte und das Schwarzpulver binnen kurzem verdrängte. 1890 ging das Unternehmen in der Vereinigten Köln-Rottweiler Pulverfabriken AG auf; im selben Jahr beschäftigte das Werk 854 Arbeiter.
Max Duttenhofer (1843–1903) war die prägende Unternehmerfigur der Stadt und galt als überaus einflussreicher Pulverfabrikant, dessen Wort in der Kommunalpolitik wie in der württembergischen Wirtschaft Gewicht hatte. 1896 wurde er mit dem königlich württembergischen persönlichen Adel geehrt. Als einer der drei Hauptaktionäre und Aufsichtsratsvorsitzender der Daimler-Motoren-Gesellschaft verband er die Rottweiler Rüstungsindustrie zudem mit dem frühen Automobilbau.
Im Ersten Weltkrieg erreichte die Bedeutung des Standorts ihren Höhepunkt: Die Köln-Rottweiler Pulverfabriken stellten im Krieg mindestens 75 Prozent des gesamten deutschen Pulverbedarfs her, die Belegschaft des Rottweiler Werks wuchs bis 1917 auf 2.226 Beschäftigte. Am 11. November 1918 bildete sich in der Stadt ein Soldatenrat — ein Hinweis auf im Krieg am Ort befindliches Militärpersonal, aus dem sich jedoch keine Friedensgarnison herleiten lässt. Mit der Aufhebung der allgemeinen Wehrpflicht nach dem Krieg endete auch die Aufgabe des Bezirkskommandos: Zum 1. Oktober 1919 wurde es in ein Versorgungsamt für Kriegsbeschädigte und Kriegshinterbliebene umgewandelt.
Von dieser Vergangenheit zeugt heute vor allem das Gelände der ehemaligen Pulverfabrik im Neckartal: ein denkmalgeschütztes Ensemble von rund 140 Gebäuden, darunter 40 Kulturdenkmale, das seit 1993 schrittweise neuen Nutzungen zugeführt wird. Der Markenname „Rottweil“ lebt in der Munitionsfertigung bis heute fort. Wer in Rottweil nach Kasernenbauten des Kaiserreichs sucht, sucht dagegen vergebens — die Stadt war Waffenschmiede und Musterungsort des württembergischen Heeres, aber keine Garnisonsstadt.
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