Torgau an der Elbe fiel nach den Beschlüssen des Wiener Kongresses 1815 dauerhaft an Preußen und gehörte fortan zur Provinz Sachsen im Regierungsbezirk Merseburg. Die Stadt sicherte einen der wenigen festen Elbübergänge zwischen Magdeburg und der sächsischen Grenze; die Brücke war durch einen befestigten Brückenkopf am rechten Ufer gedeckt. Im Deutschen Kaiserreich vereinigte Torgau damit zwei Rollen: Bis 1889 galt es förmlich als Festung, zugleich war es durchgehend Garnisonsstadt mit einer für seine Größe bemerkenswert dichten militärischen Belegung.
Die Festung war ein Erbe der napoleonischen Zeit. Nach dem Posener Friedensvertrag von 1806 verlangte Napoleon den Ausbau eines festen Platzes an der mittleren Elbe; 1810 fiel nach Prüfung mehrerer Standorte die Entscheidung für Torgau, 1811 begann der Bau der Festungsanlagen. Ende 1813 ging die Festung nach Belagerung an Preußen über. Unter Leitung des Generals Gustav von Rauch wurde sie mit Kasematten und Reduits verstärkt. Zum Bestand gehörten sechs Vollbastionen und zwei Halbbastionen um die Kernstadt, das Fort Zinna im Nordwesten, das östlich davon gelegene Fort Mahla, der Brückenkopf mit Defensivkaserne an der Elbbrücke sowie Schleusen- und Elblünetten; ein Wasserführungssystem erlaubte die Flutung des Vorfeldes.
Die rasche Entwicklung der Artillerie entwertete diese Anlagen noch im 19. Jahrhundert. Das Fort Mahla wurde bereits 1878 geschleift; 1889 wurde der Festungsstatus aufgegeben, nachdem die Einführung der Brisanzgranaten die älteren Befestigungen militärisch obsolet gemacht hatte. Teile der Wälle wurden in der Folge zu Grünanlagen umgestaltet, andere Werke wie Kasematten und der Brückenkopf blieben in Teilen erhalten. Der Charakter als Garnisonsstadt bestand über die Entfestigung hinaus fort.
Kern der Garnison war seit 1860 das 4. Thüringische Infanterie-Regiment Nr. 72. Im Jahr 1885 zählte die Stadt 10.988 Einwohner einschließlich der Garnison, zu der damals neben dem Regiment das Pionier-Bataillon Nr. 3 und eine Abteilung des 1. Thüringischen Feldartillerie-Regiments Nr. 19 gehörten. Aus der in Torgau stationierten Abteilung dieses Regiments ging 1899 das neu errichtete Torgauer Feldartillerie-Regiment Nr. 74 hervor; 1901 erhielt die Stadt mit dem Thüringischen Husaren-Regiment Nr. 12 zusätzlich Kavallerie. Nach der Friedensgliederung von 1914 lagen in Torgau der Stab der 16. Infanterie-Brigade, das Infanterie-Regiment Nr. 72 (das III. Bataillon in Eilenburg), Stab und I. Abteilung des Feldartillerie-Regiments Nr. 74 (die II. Abteilung in Wittenberg) sowie das Husaren-Regiment Nr. 12; sämtliche Verbände unterstanden der 8. Division in Halle an der Saale im Bereich des IV. Armee-Korps in Magdeburg. Mit der Mobilmachung vom 2. August 1914 rückte das Infanterie-Regiment Nr. 72 nach Belgien aus, kämpfte an der Gete, nahm am 26. August 1914 Le Cateau und stand im Oktober 1917 in der Dritten Flandernschlacht bei Ypern.
Das Anwachsen der Garnison schlug sich in Kasernenneubauten der Kaiserzeit nieder: 1895 bezog das 2. Bataillon des Infanterie-Regiments Nr. 72 die neue Kaserne am Grünen Hain, 1901 das Husaren-Regiment Nr. 12 die Kaserne an der Dommitzscher Straße, 1910 das 1. Bataillon der 72er die Kaserne an der Schulstraße; die Defensivkaserne am Brückenkopf diente schon seit der Mitte des 19. Jahrhunderts Pioniereinheiten. Das Fort Zinna erhielt im 20. Jahrhundert eine düstere Nachnutzung: Ab 1943 bestand dort das Wehrmachtgefängnis Torgau, von September 1945 bis Oktober 1948 betrieb der sowjetische NKWD in Torgau die Speziallager Nr. 8 und Nr. 10. Heute ist das Fort Zinna Standort der Justizvollzugsanstalt Torgau; an die Opfer erinnert der Erinnerungsort Torgau.
Die Stadt selbst blieb im Kaiserreich eine preußische Kreisstadt mittlerer Größe, deren Erscheinungsbild Militär, Elblage und ein bedeutendes historisches Erbe prägten. Über dem Strom erhebt sich Schloss Hartenfels, die Renaissanceresidenz der ernestinischen Kurfürsten von Sachsen. Hier verfasste Martin Luther im März 1530 gemeinsam mit Jonas, Melanchthon und Bugenhagen die Torgauer Artikel, am 5. Oktober 1544 weihte er die Schlosskapelle; Luthers Witwe Katharina von Bora starb am 20. Dezember 1552 in Torgau. Der Ortsname selbst geht auf ein altsorbisches Wort für „Markt“ zurück und verweist auf die alte Rolle des Platzes als Handelsort am Fluss, die im Kaiserreich hinter der Bedeutung als Garnisonsstadt zurücktrat.
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