Berlin war im Deutschen Kaiserreich nicht nur Reichshauptstadt, sondern das militärische Zentrum des Reiches schlechthin. Hier residierte der Hof der Hohenzollern, hier arbeiteten die obersten Kommandobehörden der preußischen Armee. Das Preußische Kriegsministerium, die oberste Verwaltungsbehörde des Heeres, hatte seinen Hauptsitz von 1819 bis 1919 in der Leipziger Straße 5; weitere Dienstgebäude lagen in der Wilhelmstraße 81 und in der Behrenstraße 66. Der Große Generalstab, mit der Reichsverfassung zum 1. Januar 1871 geschaffen, bezog sein Dienstgebäude im Alsenviertel am Spreebogen. Sein Chef besaß seit 1883 das Immediatrecht, also unmittelbaren Zugang zum Kaiser; unter Helmuth von Moltke (Chef 1857–1888) und Alfred von Schlieffen (1891–1906) wurde von hier aus die operative Planung des Heeres geleitet.
Kern der Berliner Garnison war das 1814 errichtete Gardekorps, dem sämtliche Gardetruppenteile der preußischen Armee unterstanden. Sein Generalkommando saß in Berlin, die Garnisonen verteilten sich auf Berlin, Potsdam, Charlottenburg und die Festung Spandau. In der Friedensgliederung von 1914 umfasste das Korps die 1. und 2. Garde-Division sowie die Garde-Kavallerie-Division nebst Artillerie-, Pionier- und Maschinengewehrformationen. Die Garnison wuchs mit der Stadt: Bereits 1866 hatte das Kaiser Franz Garde-Grenadier-Regiment Nr. 2 einen Kasernenneubau in der Blücherstraße 47 bezogen und seine älteren Quartiere in der Innenstadt aufgegeben; für das Kaiser Alexander Garde-Grenadier-Regiment Nr. 1 entstanden 1898 bis 1901 Neubauten beiderseits der Prinz-Friedrich-Karl-Straße, am Weidendamm und am Kupfergraben, da die alte Kaserne an der Alexanderstraße nicht mehr ausreichte.
Die Kasernenbauten prägen das Stadtbild bis heute. Die Garde-Dragoner-Kaserne am Mehringdamm in Kreuzberg, 1850 bis 1854 nach Plänen der Militärbaumeister Ferdinand Fleischinger und Wilhelm Drewitz errichtet, ist ein 188 Meter langer, burgartiger Bau mit Zinnentürmen; seit 1923 dient das Hauptgebäude als Finanzamt, der denkmalgeschützte Komplex wird derzeit städtebaulich neu geordnet. Die Maikäferkaserne an der Chausseestraße 89–92, 1849 bis 1851 erbaut, wurde im Zweiten Weltkrieg weitgehend zerstört; auf ihrem Gelände entstand ab 2008 die Zentrale des Bundesnachrichtendienstes. Die Neubauten der Alexanderkaserne am Kupfergraben dienen heute als Museumshöfe des Deutschen Historischen Museums und werden von der Humboldt-Universität genutzt. Das um 1829/30 errichtete Exerzierhaus am heutigen Heinrich-Heine-Platz blieb als Baudenkmal erhalten.
Zu den in Berlin liegenden Verbänden zählten das Kaiser Alexander Garde-Grenadier-Regiment Nr. 1, das seit seiner Aufstellung am 14. Oktober 1814 durchgehend in der Hauptstadt garnisonierte, das Kaiser Franz Garde-Grenadier-Regiment Nr. 2 in der Blücherstraße sowie das Garde-Füsilier-Regiment, das von 1851 bis 1918 vollständig in der Maikäferkaserne lag. Sein Spitzname „Maikäfer“ ging auf das Jahr 1827 zurück und wurde durch die Anrede Friedrich Wilhelms IV. („Meine lieben Maikäfer“) gleichsam amtlich. In der Kaserne am Mehringdamm lagen von 1855 bis 1919 das 1. Garde-Dragoner-Regiment „Königin Viktoria von Großbritannien und Irland“ und Teile des 2. Garde-Dragoner-Regiments „Kaiserin Alexandra von Rußland“. Als Exerzierplatz des Alexander-Regiments diente der „Alte Exer“ an der Schönhauser Allee, der heutige Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark.
Das Tempelhofer Feld war seit 1722 Parade- und Exerzierplatz der preußischen Armee; 1828 erwarb das Militär das gesamte Areal. An der sogenannten Paradepappel nahm Kaiser Wilhelm II. die Paraden seiner Truppen ab. Nach 1870 entstanden am Feld Unterkünfte für das preußische Eisenbahn-Bataillon, um 1885 war dort auch ein Luftschiffer-Detachement untergebracht. Damit wurde das Feld zur Wiege der Berliner Luftfahrt: 1897 verunglückte Friedrich Wölfert mit seinem Luftschiff tödlich, im selben Jahr stieg das starre Ganzmetall-Luftschiff von David Schwarz auf. Im Januar 1909 zeigte Armand Zipfel die ersten öffentlichen Motorflüge, im September 1909 flog Orville Wright hier Rekorde, darunter ein Flug von über 90 Minuten mit Passagier. Das Luftschiffer-Bataillon erhielt ab 1906 am Luftschiffhafen Reinickendorf beim heutigen Tegel eine erste Luftschiffhalle, wo Luftschiffe der Typen Groß-Basenach und Parseval erprobt wurden.
Die Garnison stand im Zusammenhang eines beispiellosen städtischen Wachstums. Bei der Reichsgründung 1871 zählte Berlin 826.341 Einwohner, 1877 überschritt die Stadt die Millionengrenze, und die Volkszählung vom 1. Dezember 1910 ergab 2.071.257 Einwohner – eine Verdopplung binnen einer Generation. Als Reichshauptstadt vereinte Berlin Parlament, Reichsleitung, Hof und oberste Militärbehörden auf engem Raum; Uniformen, Wachaufzüge und Paraden gehörten zum alltäglichen Straßenbild. Mit dem Ende des Kaiserreichs 1918 wurden Gardekorps und Großer Generalstab aufgelöst, das Kriegsministerium ging 1919 in Reichsbehörden auf. Die erhaltenen Kasernen, das Zeughaus-Umfeld und das Tempelhofer Feld halten die Erinnerung an die einstige Garnisonsstadt bis heute wach.
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