Kaum eine Garnisonsstadt des Deutschen Kaiserreichs trug ein derartiges historisches Gewicht wie Gnesen, polnisch Gniezno. Im Jahr 1000 gründete Kaiser Otto III. beim sogenannten Akt von Gnesen auf Betreiben Herzog Bolesławs I. Chrobry hier ein unabhängiges, dem Papst direkt unterstelltes polnisches Erzbistum. Bis 1320 war die Stadt Krönungsort der polnischen Könige, und seit 1412 führte der Erzbischof von Gnesen den Titel eines Primas von Polen. Mit der Zweiten Polnischen Teilung kam die Stadt 1793 an Preußen und gehörte nach 1815 als Kreisstadt zum Regierungsbezirk Bromberg der Provinz Posen. Die Bulle De salute animarum verband das Erzbistum 1821 in Personalunion mit Posen; Gnesen blieb damit auch unter preußischer Herrschaft ein geistlicher Mittelpunkt des polnischen Katholizismus — eine bemerkenswerte Konstellation für eine Stadt, die zugleich preußische Garnison wurde.
Die militärische Prägung begann in den 1860er Jahren. Im November 1864 verlegten Stab, I. Bataillon und Füsilier-Bataillon des 6. Pommerschen Infanterie-Regiments Nr. 49 von Stargard nach Gnesen. Das Regiment war nach Kabinettsorder vom 29. August 1859 mit Stiftungstag 5. Mai 1860 aus dem 9. Infanterie-Regiment (Kolberg) und dem 9. Landwehr-Regiment hervorgegangen; 1866 focht es im Krieg gegen Österreich, 1870/71 bestand es am 27. August bei Sailly seine Feuertaufe im Krieg gegen Frankreich. Als zweiter Verband lag das Dragoner-Regiment (2. Brandenburgisches) Nr. 12 in der Stadt, gestiftet 1866 und seit 1889 mit dem Namenszusatz „von Arnim“. Die Infanterie zählte zum Bereich der 4. Division mit Sitz in Bromberg, die Dragoner zur 4. Kavallerie-Brigade; beide unterstanden dem II. Armee-Korps.
Für die Truppen entstanden eigene Kasernenanlagen. An der heutigen ulica Sobieskiego wurde in den 1870er Jahren eine Infanteriekaserne aus drei baugleichen Gebäuden errichtet, in der das Infanterie-Regiment Nr. 49 lag; von den drei Bauten hat nur einer die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs überstanden. Für die Dragoner entstand 1892 ein Kavalleriekasernement an der heutigen ulica Wrzesińska mit Schwadronsblöcken entlang der Straße und fünf großen Stallgebäuden in der Tiefe des Geländes. Diesen Komplex erwarb die Stadt Gniezno im Jahr 2002; heute nutzt die Hochschule Akademia Nauk Stosowanych im. Hipolita Cegielskiego den größten Teil der Gebäude, daneben sind ein Kindergarten und Geschäfte untergebracht.
Die Stadt selbst wuchs im Kaiserreich kräftig: von 9.916 Einwohnern im Jahr 1871 über 15.757 im Jahr 1885 auf 21.693 im Jahr 1900 — ausdrücklich „mit der Garnison“ gezählt — und schließlich 25.339 im Jahr 1910. Die Volkszählung von 1910 weist 9.869 Einwohner mit deutscher und 15.341 mit polnischer Muttersprache aus; die polnisch-katholische Bevölkerung stellte also eine klare Mehrheit, während die deutsche Minderheit überwiegend evangelisch war. Die einst bedeutende jüdische Gemeinde schrumpfte von 1.429 Personen im Jahr 1871 auf 776 im Jahr 1910. Wirtschaftlich profitierte Gnesen von der Lage an der Bahnstrecke Posen–Thorn; 1879 erhielt die Stadt zudem ein Landgericht und festigte damit ihre Stellung als Verwaltungsmittelpunkt des Kreises Gnesen.
Der Erste Weltkrieg beendete das Garnisonsleben schlagartig. Am 30. Juli 1914 erging an das Infanterie-Regiment Nr. 49 in Gnesen der Befehl zum Grenz- und Bahnschutz wegen drohender Kriegsgefahr; in der Nacht vom 8. auf den 9. August 1914 verließ das Regiment in vier Transportzügen vollständig seine Garnison. Es kämpfte im Westen, unter anderem in der Marneschlacht im September 1914, später auch im Osten und Südosten. Auch das Dragoner-Regiment Nr. 12 rückte 1914 aus Gnesen ins Feld; in die Stadt kehrte keiner der beiden Verbände dauerhaft zurück.
Die Zäsur kam mit dem Kriegsende. Das Infanterie-Regiment Nr. 49 erreichte nach dem Waffenstillstand vom 11. November 1918 auf dem Rückmarsch kurz vor Weihnachten 1918 noch einmal Gnesen — geriet dort aber unmittelbar in den Großpolnischen Aufstand. Der Aufstand begann am 27. Dezember 1918 in Posen; Gnesen schloss sich einen Tag später an, wobei die Übernahme der Kasernen mit ihren Waffen- und Vorratsbeständen das vorrangige Ziel der polnischen Aufständischen war und rasch gelang. Das Regiment wurde aufgelöst, das Dragoner-Regiment Nr. 12 bestand ebenfalls nur bis 1919. Mit dem Inkrafttreten des Versailler Vertrags im Januar 1920 kam Gnesen ohne Volksabstimmung zur Republik Polen — nach 127 Jahren endete die preußisch-deutsche Herrschaft über die alte Krönungsstadt.
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