Lötzen, das heutige Giżycko, liegt im südlichen Ostpreußen auf einer schmalen Landenge zwischen dem Löwentinsee und dem Mauersee, rund 90 Kilometer nordöstlich von Allenstein und etwa 110 Kilometer südöstlich von Königsberg. Diese Lage inmitten des masurischen Seengürtels bestimmte über Jahrhunderte die militärische Bedeutung des Ortes: Wer die Landengen zwischen den großen Seen beherrschte, kontrollierte die wenigen für Truppen und Geschütze passierbaren Durchlässe zwischen den Wasserflächen. 1818 wurde Lötzen Sitz eines Kreises. Aus dieser strategischen Schlüsselstellung heraus entstand im 19. Jahrhundert der Plan, die natürliche Seensperre durch ein modernes Festungswerk zu verstärken.
Die Feste Boyen wurde zwischen 1847 und 1855 auf der Landenge zwischen dem Kissainsee, dem südlichen Teil des Mauersees, und dem Löwentinsee errichtet. Namensgeber war der preußische Kriegsminister Hermann von Boyen, der König Friedrich Wilhelm IV. vom Bau überzeugt hatte. Die Anlage umfasst rund 100 Hektar und ist als sternförmiges Werk mit sieben Bastionen ausgelegt, geschützt durch mächtige Erdwälle, Mauern und Wassergräben. Vier Tore erschlossen die Festung, darunter das Lötzener Tor mit Zugbrücke sowie das Rastenburger Tor, das Pulvertor und das Wassertor. Die Feste Boyen war als Sperrfort konzipiert, das die östliche Grenze Ostpreußens gegen das Russische Reich sichern und den Seengürtel als natürliche Verteidigungslinie ergänzen sollte.
Als Garnisonsstadt beherbergte Lötzen im Frieden das III. Bataillon des Infanterie-Regiments „Generalfeldmarschall von Hindenburg“ (2. Masurisches) Nr. 147; die übrigen Teile des 1897 aufgestellten Regiments lagen im benachbarten Lyck. Das Regiment gehörte zur 73. Infanterie-Brigade der 37. Division, die dem in Allenstein stationierten XX. Armee-Korps unterstand. Neben der Feldtruppe war die Feste Boyen selbst mit einer Festungsbesatzung belegt, die Bewachung, Artillerie und Verwaltung der Anlage sicherstellte. Die Verbindung von ortsfester Festungsgarnison und beweglicher Feldtruppe machte Lötzen zu einem festen Stützpunkt im masurischen Aufmarschraum.
Zu Beginn des Ersten Weltkriegs erhielt die Feste Boyen erneut Bedeutung. Nach dem Abrücken der Feldverbände verblieb eine Besatzung in der Festung, die im August 1914 dem Anmarsch russischer Truppen standhielt; die kurzzeitige Einschließung durch die russische Armee 1914 führte nicht zur Einnahme. Während der Winterschlacht in Masuren vom 7. bis 22. Februar 1915, in der die deutsche 8. und 10. Armee die russische 10. Armee angriffen, lag Lötzen im rückwärtigen Raum des deutschen Aufmarschs im Seengürtel. Die Schlacht endete mit einem deutschen Erfolg und dem Rückzug der russischen Kräfte. Die Feste Boyen überstand den Krieg ohne Eroberung.
Heute gehört Giżycko zu Polen; die Stadt trägt seit 1946 diesen Namen zu Ehren des Pfarrers Gustav Gisevius. Die Feste Boyen ist als weitgehend erhaltenes Festungswerk zugänglich und wird seit 1993 von einem Förderverein betreut. In den Anlagen befinden sich ein Museum, Ausstellungsräume und kulturelle Einrichtungen; im Festungsgraben finden Freilichtveranstaltungen statt. Die Festung zählt zu den bedeutendsten erhaltenen Wehranlagen Masurens und dient zugleich als Denkmal der preußischen Befestigungsgeschichte.
Im Kaiserreich war Lötzen eine überschaubare, aber wachsende Kreisstadt. Um 1900 zählte sie rund 5.826 Einwohner, 1910 waren es 6.945, von denen der weit überwiegende Teil Deutsch als Muttersprache angab. Den wirtschaftlichen und verkehrlichen Anschluss brachte die 1868 fertiggestellte Ostpreußische Südbahn, die Lötzen an das Eisenbahnnetz anband und die Verbindung nach Allenstein und Königsberg herstellte. Zugleich entwickelte sich die Stadt durch ihre Lage zwischen den großen masurischen Seen früh zu einem Ziel des Fremdenverkehrs und des Wassersports – eine Bedeutung, die Giżycko als Hafenstadt an den Masurischen Seen bis heute bewahrt hat.
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