Marienwerder, das heutige Kwidzyn, lag in der Provinz Westpreußen etwa fünf Kilometer östlich der Weichsel am Flüsschen Liebe (Liwa) und rund 120 Kilometer südlich von Danzig. Die Stadt beherrschte damit den Übergang von der fruchtbaren Weichselniederung zu den höher gelegenen Talrändern und war seit der frühen Neuzeit ein Verwaltungsmittelpunkt der Region. Unter Friedrich dem Großen wurde Marienwerder 1775 zum Sitz der westpreußischen Verwaltung bestimmt; im Deutschen Kaiserreich blieb sie Hauptstadt des Regierungsbezirks Marienwerder und zugleich Sitz des gleichnamigen Landkreises.
Das Wahrzeichen der Stadt bildet die eng verbundene Anlage aus Dom und Schloss, ein herausragendes Zeugnis des Deutschen Ordens und der Backsteingotik. Der dem heiligen Johannes geweihte Dom wurde nach den vorliegenden Angaben zwischen 1344 und etwa 1355 neu errichtet und diente dem pomesanischen Domkapitel. In ihm sind drei Hochmeister des Deutschen Ordens sowie zahlreiche pomesanische Bischöfe bestattet. Der 54 Meter hohe Hauptturm der Anlage diente zugleich als Bergfried und als Glockenturm des Doms.
Das benachbarte Schloss war Sitz und Verwaltungsmittelpunkt des Domkapitels und gehört zu den bedeutenden Festungsbauten des Ordenslandes. Ursprünglich als Vierflügelanlage angelegt, wurden der südliche und der östliche Flügel 1798 abgebrochen. Als besonders auffälliges Bauglied gilt der Dansker, ein über eine überdeckte Brücke mit dem Schloss verbundener Turm, der zugleich als Wehr- und als Abortturm diente und in dieser Ausführung als besonders eindrucksvoll gilt.
Im militärischen Gefüge des Kaiserreichs war Marienwerder Garnison der Feldartillerie. Hier lagen Stab und II. Abteilung des Feldartillerie-Regiments „Hochmeister“ Nr. 72, dessen I. Abteilung in Preußisch Stargard stationiert war. Das 1899 aufgestellte Regiment gehörte in der Friedensgliederung bis 1914 zur 36. Feldartillerie-Brigade mit Sitz in Danzig, die ihrerseits der 36. Division und dem XVII. Armeekorps unterstand. Ergänzt wurde die Garnison durch weitere militärische Einrichtungen der Stadt.
Für die Truppe entstand am nördlichen Stadtrand ein Kasernenkomplex. Die erhaltene Anlage an der heutigen Grudziądzka umfasst mehrere neugotische Bauten, darunter ein Stabsgebäude, eine Wache, Mannschaftsgebäude, eine Reithalle sowie ein Lazarett. Der Komplex steht heute in Kwidzyn unter Denkmalschutz; Teile werden nachgenutzt, ein Gebäude etwa als Lager. Das ehemalige Ordensschloss dient heute als Museum und bewahrt historische Sammlungen.
Die Einwohnerzahl der Stadt wuchs im Kaiserreich stetig: Für 1900 sind rund 9.686 Einwohner einschließlich der Garnison überliefert, für 1905 etwa 11.828 und für 1910 knapp 12.983, davon der weit überwiegende Teil mit deutscher Muttersprache und evangelischer Konfession neben einer katholischen Minderheit und einer kleinen jüdischen Gemeinde. Als Regierungssitz beherbergte Marienwerder gehobene Behörden; im Justizwesen war die Stadt Sitz des Oberlandesgerichts Marienwerder, dem die Landgerichtsbezirke Danzig, Elbing, Graudenz, Konitz und Thorn unterstanden, sowie eines Amtsgerichts.
Nach dem Ersten Weltkrieg bestimmte der Versailler Vertrag für den westlich der Weichsel wie für den Marienwerderer Raum eine Volksabstimmung über die staatliche Zugehörigkeit. Bei der Abstimmung am 11. Juli 1920 votierte die Bevölkerung mit großer Mehrheit für den Verbleib beim Deutschen Reich; in der Stadt Marienwerder entfielen 7.811 Stimmen auf den Anschluss an Ostpreußen und 362 auf Polen. In der Folge verblieb der Regierungsbezirk beim Reich und wurde der Provinz Ostpreußen zugeschlagen.
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